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Und das wird schon ein hartes Stück Arbeit!
Johanna
Mehl an den Händen statt Bogen im Anschlag. Leistungssport bedeutet vor allem eins: extrem viel Zeitaufwand. Auch wenn Bogenschießen vielleicht nicht so sehr an die körperliche Leistungsgrenze geht wie andere Sportarten, bestimmt das ständige Training einen Großteil ihres Alltags. Wenn Johanna dann doch mal einen freien Nachmittag hat, geht sie die Dinge am liebsten ganz entspannt an. Im Sommer findet man sie dann oft mit Freunden am See oder beim Eisessen. Ihre Lieblingseissorte ist dabei ganz klassisch Schokolade. Doch auch zu Hause in der Küche sucht sie oft den perfekten Ausgleich zum Sport. Und wenn es nach einem langen Tag um ein richtig gutes Essen geht, hat sie ziemlich klare Favoriten.
Nach dem Training haben Sportler meistens ordentlich Hunger. Da muss das Essen oft einfach schnell auf dem Tisch stehen. Für große Experimente fehlt im normalen Alltag die Energie.
Aber eigentlich bedeutet die Küche für Johanna viel mehr, als nur satt zu werden. Es ist für sie der totale Ausgleich zum Bogenschießen. Draußen auf dem Platz geht es immer um Leistung, Druck und volle Kontrolle. Drinnen in der Küche kann sie das alles einfach mal hinter sich lassen.
Sobald der Stress also mal kurz Pause macht, sieht ihr Programm am Herd ganz anders aus. Dann geht es nicht mehr um die schnelle Portion Nudeln, sondern um das Gegenteil.
Komplett freie Tage sind extrem selten, denn meistens bestimmt das Training den kompletten Ablauf. Was dabei als Erstes auf der Strecke bleibt, ist die Spontanität. Einfach mal morgens aufwachen, die Taschen packen und für einen Ausflug losziehen, ist fast unmöglich. Dabei gäbe es eine Sache auf die Johanna im Winter richtig Lust hätte. Aber weil das viel zu viel Vorbereitung braucht und sie das passende Equipment dafür nicht mal eben im Keller stehen hat, siegt am Ende oft das Bedürfnis, mal komplett runterzufahren und gar nichts Großes zu planen.
Wenn man Johanna heute so zielsicher auf dem Platz sieht, könnte man meinen, sie hätte diesen Weg schon immer genau so geplant. Doch, dass sie heute auf diesem extrem hohen Niveau schießt, war anfangs überhaupt nicht absehbar. In ihrer Familie hatte vorher nämlich niemand etwas mit Leistungssport am Hut. Dass sie überhaupt zum ersten Mal einen Bogen in die Hand genommen hat, war eigentlich ein reiner Zufall.
Heute verbringt Johanna fast jeden Tag auf dem Platz. Aber was genau ist eigentlich der große Reiz daran? Warum zieht es sie immer wieder an die Schießlinie? Es ist gar nicht unbedingt das direkte Duell gegen andere, das sie so fesselt.
Was mich fasziniert ist die Präzision und dass man von relativ weit weg sofort ein Resultat hat.
Johanna
Sobald der Pfeil fliegt, merkt man einfach direkt, ob die eigene Bewegung gepasst hat oder nicht. Und wer dieses klare Feedback einmal erlebt hat, den lässt das Ganze so schnell nicht mehr los.
Um diese Sucht nach der perfekten 10 zu stillen, hält Johanna ein Sportgerät in den Händen, in dem buchstäblich Jahrtausende an Entwicklung stecken. Denn Bogenschießen ist eine der ältesten Techniken der Menschheit. Was vor rund 60.000 Jahren als Werkzeug begann, ist heute ein hochmoderner Sport. Während es früher vor allem darum ging, überhaupt zu treffen, kommt es heute bei Johanna auf Millimeter an.
Der Bogen hat eine enorme Entwicklung hinter sich. Früher war es im Grunde ein gebogener Ast aus dem Wald, heute ein präzises Gerät aus Carbon und Aluminium.
Steinzeit - Ein einfacher Holzbogen mit Pfeilen aus Naturmaterialien, wie sie vor rund 64.000 Jahren zur Jagd genutzt wurden.
Mittelalter - Der englische Langbogen aus Eibenholz besaß eine enorme Zugkraft für maximale Reichweite auf dem Schlachtfeld.
1972 - Bei der olympischen Rückkehr wurde ein klassischer Recurve-Bogen aus Holz und Fiberglas genutzt.
Heute - Moderner Recurve-Bogen aus Carbon und Aluminium, ausgestattet mit präzisen Stabilisatoren und Visierung.
Visualisierungen: KI-generiert zur Veranschaulichung der technischen Entwicklung
Wenn man sich die Zahlen der verschiedenen Bögen ansieht, erkennt man gut, wie sich die Anforderungen über die Zeit verändert haben. Im Mittelalter lag der Fokus vor allem auf der Durchschlagskraft und einer großen Reichweite. Da ging es in erster Linie um Kraft.
Heute ist das anders. Für Johanna steht die Wiederholgenauigkeit im Mittelpunkt. Das bedeutet, dass jeder einzelne Schuss ganz präzise und immer exakt gleich ablaufen muss. Es geht also nicht mehr um die reine Gewalt, sondern darum, den Bewegungsablauf hunderte Male perfekt zu wiederholen.
Besonders deutlich wird das beim Zuggewicht. Ein Bogenschütze musste früher etwa eine Kraft von etwa 80 Kilogramm aufbringen. Bei Johanna sind es heute rund 20 Kilogramm. Das klingt nach weniger Anstrengung, erfordert aber sehr feine Muskulatur, um den Bogen über viele Stunden hinweg absolut ruhig zu halten.
Um diese Kraft von 20 Kilogramm überhaupt kontrollieren zu können, braucht es die richtige Technik. Johanna verwendet einen Recurve-Bogen. Das ist das Modell, das man auch von den Olympischen Spielen kennt. Seinen Namen hat er von den Enden der Wurfarme, die nach vorne gebogen sind. Das gibt dem Pfeil Geschwindigkeit.
Johannas Recurve-Bogen
Insgesamt liegen die Kosten bei ihrem Bogen bei ca. 3000 Euro
Die Konstruktion eines Recurve-Bogens ist hochkomplex und wird individuell auf die Athletin zugeschnitten. Jede Komponente ist exakt auf Johannas Anatomie und ihre Schießtechnik kalibriert. Die Stabilisatoren sorgen dabei für die nötige Ruhe beim Schießen. Nur durch das feine Zusammenspiel aller Bauteile lässt sich die aufgebrachte Kraft kontrolliert in das Zentrum der Scheibe übertragen.
Ein Wettkampfpfeil im Bogensport besteht aus vier technischen Komponenten: dem Schaft, der Spitze, den Federn (Vanes) und der Nocke. Jedes dieser Teile erfüllt eine spezifische Funktion, um auf die Distanz von 70 Metern eine stabile Flugbahn zu gewährleisten. Über die Nocke am hinteren Ende wird der Pfeil an der Sehne fixiert, während die Vanes für die notwendige Rotation in der Luft sorgen.
Johannas Köcher & ihre Pfeile
In Johannas Leistungsklasse bestehen die Pfeilschäfte aus Carbon. Das Material muss gleichzeitig leicht und steif genug sein, um die Energie beim Abschuss ohne bleibende Verformung aufzunehmen. Während die hochwertigen Schäfte und Spitzen in der Regel vom Kader gestellt werden, müssen die Athleten Kleinteile wie Federn und Nocken oft selbst finanzieren.
Dass Bogensport auf diesem Niveau ein kostspieliges Investment ist, zeigt sich beim Blick auf die Details:
Die Pfeile sind auch mit das Teuerste der Ausrüstung. Ein Pfeil kostet ungefähr 60 bis 70 Euro.
Johanna
Was auf den ersten Blick wie ein einfaches buntes Plakat wirkt, ist ein hochspezialisiertes Sportgerät. Die sichtbare Papierauflage hat für die 70-Meter-Distanz einen international festgeschriebenen Durchmesser von 1,22 Metern. Sie ist in fünf Farbzonen unterteilt - Weiß, Schwarz, Blau, Rot und Gold. Diese sind nochmal in zwei Ringe gesplittet, sodass es insgesamt zehn Wertungsringe gibt.
Im Zentrum des goldenen Bereichs gibt es noch ein entscheidendes Detail: den sogenannten X-Ring (die Innenzehn). Er bringt im Wettkampf zwar ebenfalls 10 Punkte, entscheidet aber bei einem Gleichstand. Dann entscheidet die Anzahl der getroffenen X-Ringe über Sieg oder Niederlage.
Hinter diesem Papier verbirgt sich die eigentliche Konstruktion: der sogenannte Dämpfer. Um die enormen Einschlagkräfte der Pfeile abzufangen, besteht dieser Block meist aus extrem dicht gepresstem Spezialschaumstoff oder fest gewickeltem Stroh (Stramit). Die Pfeile bohren sich tief in dieses Material ein und werden damit gestoppt.
Nach hunderten Pfeilen am Tag brennen die Muskeln, und eigentlich wäre dann Zeit zum Abschalten. Aber wenn auf dem Platz langsam Ruhe einkehrt, fängt für Johanna oft erst die zweite Schicht an. Sie packt den Bogen weg und klappt den Rechner auf. Ein ziemlicher Spagat zwischen zwei völlig verschiedenen Welten.
Zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Johanna studiert Informatik an der TU München - ein Studiengang, der für die meisten allein schon ein absoluter Vollzeitjob ist. Doch ein normales Studentenleben mit vollen Hörsälen gibt es für sie nicht.
Während andere tagsüber in den Vorlesungen sitzen, steht Johanna auf dem Schießplatz. Den gesamten Uni-Stoff, komplexe Codes und Algorithmen, muss sie sich stattdessen nachmittags oder spät abends allein vor dem Laptop beibringen.
Das ist ein ständiger Wechsel: Beim Bogenschießen muss der Kopf fast komplett frei sein, damit der Bewegungsablauf hunderte Male funktioniert. Abends am Schreibtisch ist dann für die Uni wieder absolute Konzentration und Kopfarbeit gefragt. Dass sie bei diesem Pensum die Balance behält, beeindruckt auch ihre Familie.
Für Johannas Mutter Ariane war es vor allem wichtig, dass bei all der Leidenschaft für den Sport die berufliche Zukunft nicht auf der Strecke bleibt.
Ariane Klinger
Möglich macht diesen Spagat die Bundeswehr. Johanna ist dort in der Sportfördergruppe und vom klassischen militärischen Dienst freigestellt. Die Bundeswehr gibt ihr als Arbeitgeber die nötige Flexibilität, um das anspruchsvolle Studium im eigenen Rhythmus zu schaffen und parallel auf internationalem Niveau zu schießen. Dieser Schritt hat für Johanna vieles im Kopf geändert:
Der größte Unterschied, seitdem ich in der Sportfördergruppe bin, ist eigentlich, dass ich wirklich mit Überzeugung sagen kann: Ich bin Sportler!
Johanna
Die Bundeswehr hält ihr zwar den Rücken frei, aber die eigentliche Arbeit passiert natürlich draußen auf dem Rasen. Um dieses Privileg wirklich zu nutzen und auf internationalem Level anzugreifen, braucht es eine sportliche Heimat, die ihr jeden Tag die perfekten Trainingsbedingungen liefert.
Gründungsjahr
Der Post-Sportverein München ist eine echte Institution. Bald feiert der Verein sein 100-jähriges Bestehen und Bogenschießen gehört zu den Aushängeschildern.
Quadratmeter Sportgelände
Das Areal an der Franz-Mader-Straße ist riesig. Mit einer Fläche von knapp 12 Fußballfeldern bietet der PSV absolute Top-Bedingungen, um komplett ungestört zu trainieren.
Die deutsche Meisterschaft
In diesem Jahr war das PSV-Gelände das Zentrum der deutschen Bogensport-Welt. Der Verein richtete die Meisterschaft aus. Genau auf dem Rasen, auf dem Johanna heute trainieren kann. Doch ihr Training auf dem weitläufigen Vereinsgelände beschränkt sich längst nicht nur auf die Zielscheiben.
Denn wer an Bogenschießen denkt, hat meistens ein sehr statisches Bild im Kopf: ruhiges Stehen, Zielen, Schießen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Um an einem langen Wettkampftag im Sommer bei brütender Hitze hunderte Male 20 Kilo aufzuziehen, reicht reine Armkraft längst nicht aus. Es braucht eine starke Grundlagenausdauer und absolute Körperspannung. Sobald die Beine oder der Rücken nach drei Stunden Turnier auch nur minimal nachgeben, bricht die Körperspannung in sich zusammen und der Pfeil landet im Aus. Ein Teil von Johannas Training findet deshalb gar nicht am Bogen statt, sondern auf der Laufbahn oder im Kraftraum.
Wenn Johanna für dieses harte Pensum mal nicht mit dem Nationalkader und den strengen Vorgaben des Deutschen Schützenbundes unterwegs ist, zieht sie sich auf vertrauten Boden zurück: zum PSV München. das weitläufige Gelände im Münchner Westen ist für sie viel mehr als nur eine Trainingsstätte.
Beim Nationalteam herrscht ständiger Konkurrenzkampf um die wenigen EM- und Olympia-Tickets. Alles ist durchgetaktet, jeder Schuss wird analysiert. Beim traditionsreichen PSV hingegen hat sie ihren sicheren Hafen. Hier, abseits des ganz großen Trubels, kann sie nach ihren eigenen Vorstellungen an ihrer Technik feilen, ihre Ausdauer-Einheiten abreißen und einfach mal durchatmen. Es ist der Ort, der ihr die nötige Bodenhaftung gibt, um auf dem internationalen Parkett überhaupt erst bestehen zu können. Ein sicherer Hafen, der sie zwar vor dem mentalen Druck des Nationalteams abschirmt, aber eben nicht vor den Elementen. Wenn sich das Jahr dem Ende neigt und die Temperaturen in den Keller fallen, ändert sich auf dem Platz nämlich alles.
Bogenschießen ist für viele ein sonniger Outdoor-Sport im T-Shirt. Doch wer ganzjährig auf Top-Niveau trainieren muss, steht im Winter vor einem Problem: Die Kälte ist der größte Feind jedes Schützen. Sobald die Finger frieren, ist der entscheidende Impuls beim Loslassen der Sehne nicht mehr präzise. Die Gelenke werden steif, die Muskeln verspannen sich und selbst der beste Schuss landet nicht mehr da, wo er soll. Eine konstante Körpertemperatur ist entscheidend, um die nötige Ruhe und Präzision überhaupt halten zu können.
Da es auf dem Trainingsplatz keine beheizte Halle gab, hat Johanna das Projekt selbst in die Hand genommen. Zusammen mit anderen Vereinsmitgliedern hat sie eine kleine Holzhütte, direkt an der Schießlinie, gebaut. Was von außen schlicht aussieht, ist im Inneren ein voll funktionsfähiger Trainingsraum.
Der Blick durch eines der Fenster auf die 70-Meter entfernte Scheibe
Der Heizstrahler (rechts) gibt Johanna die nötige Wärme
Der Bogen liegt auf Kunstrasen bereit für den nächsten Einsatz
In der Hütte kann Johanna die Heizung aufdrehen und so auch bei Schnee und Eis unter kontrollierten Bedingungen trainieren. Dabei steht sie im beheizten Innenraum, öffnet ein Fenster und schießt durch dieses nach draußen auf die 70 Meter entfernte Scheibe. So bleibt der Körper warm und die Muskulatur geschmeidig, während der Pfeil trotzdem den echten Windverhältnissen im Freien ausgesetzt ist.
Dieser Aufbau ermöglicht es ihr, das Sommertraining unter realistischen Bedingungen zu simulieren, ohne dass die Kälte die Feinmotorik ihrer Finger beeinträchtigt. Für Johanna ist dieser Rückzugsort ein entscheidender Faktor in der Saisonvorbereitung: Sie verliert im Winter keine wertvolle Zeit und kann im Frühjahr direkt mit einem hohen Leistungsniveau in die ersten Freiluft-Wettkämpfe starten.
Die Holzhütte dient Johanna als Trainingsort, an dem sie äußere Einflüsse fast komplett ausschalten kann. Wind oder Ablenkungen durch andere Sportler spielen hier keine Rolle. In dieser kontrollierten Umgebung geht es darum, den immer gleichen Bewegungsablauf zu festigen.
Auch wenn die Hütte Schutz bietet, bleibt die Distanz zum Ziel identisch. Sobald der Pfeil die Öffnung verlässt, ist er der Witterung ausgesetzt. Der Erfolg auf der 70 Meter entfernten Scheibe hängt also davon ab, die Ruhe und Stabilität aus dem Inneren der Hütte exakt auf den Moment des Abschusses zu übertragen.
Das intensive Wintertraining dient vor allem der Vorbereitung auf die internationale Wettkampfsaison. Auf globaler Ebene wird das Bogenschießen seit Jahren von asiatischen Nationen dominiert. Besonders Südkorea und Taiwan belegen verlässlich die vordersten Plätze der Weltrangliste und setzen die internationalen Standards in Präzision und Technik.
Deutschland hat sich in diesem stark umkämpften Umfeld fest etabliert. Bei der Heim-Weltmeisterschaft 2023 in Berlin holte das deutsche Recurve-Frauenteam WM-Gold. Mit dem aktuellen 8. Platz im Weltranglisten-Ranking gehört das Nationalteam zu den wenigen europäischen Vertretern in den Top 10.
Auch auf europäischer Ebene ist die Leistungsdichte enorm hoch. Mit dem aktuellen 2. Platz gehört das deutsche Team zu den stärksten Nationen. Mannschaften wie Italien, Frankreich und die Türkei investieren kontinuierlich in den Bogensport und sorgen für ein sehr enges Teilnehmerfeld.
Für Johanna hat die Europameisterschaft in diesem Jahr eine besondere Relevanz: Sie bestreitet ihre erste EM-Qualifikation. Um sich einen Platz in einem Kader zu sichern, ist eine konstante Leistung auf höchstem Niveau zwingend erforderlich. Da die Leistungsunterschiede sowohl bei der internen Nominierung als auch im späteren internationalen Wettbewerb oft minimal sind, entscheiden letztlich nur wenige Ringe auf der Zielscheibe über den Erfolg.
Bei der EM-Quali geht es darum von den sechs Damen, die wir sind, unter die Top drei zu kommen, weil die Top drei dann zur EM fahren.
Johanna
Der Kampf um einen Platz in einem derart erfolgreichen Kader bedeutet für Athletinnen wie Johanna nicht nur eine physische, sondern vor allem eine enorme mentale Belastung. Bogenschießen verlangt dem Körper einiges ab. Das Zuggewicht eines Profi-Bogens liegt bei rund 20 Kilogramm.
Addiert man die
einer regulären Qualifikationsrunde, bewegt eine Schützin innerhalb weniger Stunden weit über
mit den eigenen Fingern.
Um den Schussablauf nicht durch den eigenen Puls zu stören, trainieren Spitzenathletinnen darauf, die Sehne exakt in der kurzen Ruhephase zwischen zwei Herzschlägen loszulassen.
Neben der Uni und dem Training gibt es noch einen ständigen Begleiter: die Ungewissheit. Als Profisportlerin hat Johanna keinen klassischen, festen Job, bei dem man einen Vertrag unterschreibt und bis zur Rente im Unternehmen bleibt. Der Leistungssport ist unberechenbar.
Diese Gedanken schwingen immer mit. Und der ständige Druck ist massiv. Um in der Sportfördergruppe zu bleiben, muss sie klare Ringziele für Wettkämpfe und Platzierungen erreichen. Das ständig im Nacken zu haben, ist stressig.
Letztendlich sind die Ziele auch in Absprache mit den Trainern getroffen und die wissen ja, was so der Leistungsstand ist. Da muss man einfach mit Vertrauen rangehen und der Überzeugung, dass das machbar ist.
Johanna
Oft bräuchte der Kopf aber einfach mal ein, zwei Tage komplett Pause zum Abschalten, um danach wieder frisch und erholt reinzustarten. Doch Johannas Ehrgeiz lässt das selten zu. Eigentlich ist das eher kontraproduktiv, wenn man zu verbissen an die Sache rangeht. Paradoxerweise dreht sie aber genau dann auf, wenn es am schwierigsten ist.
Sie ist jemand, der in Qualifikationen gar nicht so hoch reinschießt, aber dann im Finale so manchen sticht, weil sie da einfach ruhiger sein kann. Also eher als nervenstark würde ich sie sehen.
Johannas Mutter Ariane
Genau dieser Ehrgeiz, sich nach einem schlechten Tag direkt wieder auf dem Platz festzubeißen, fordert allerdings seinen Preis. München ist eigentlich die perfekte Studentenstadt. Doch das klassische Leben mit Spontanität, Isar oder WG-Partys findet für Johanna oft ohne sie statt. Spitzensport bedeutet nicht nur, unzählige Stunden auf dem Trainingsplatz zu verbringen, sondern vor allem auch wahnsinnig viel Verzicht im Hintergrund. Denn während die anderen ihr Leben Anfang 20 in vollen Zügen genießen, läuft bei ihr ein strikter Plan ab, der keinen Platz für Ausnahmen lässt.
Genau dieses "Ziel vor Augen", von dem Johanna spricht, verlangt ihr alles ab. Sie opfert ihre gesamte Freizeit für den Sport. Doch aus professioneller Sicht ist das erst der Anfang.
Denn wenn jemand den immensen Druck im internationalen Bogensport einordnen kann, dann ist es Oliver Haidn. Er ist seit 2011 leitender Bundestrainer und trägt die Hauptverantwortung für den Olympia- und Perspektivkader. Der ehemalige Gymnasiallehrer war früher selbst Athlet auf nationaler Ebene. Was Johanna und ihn abseits des Schießstandes verbindet? Genau wie sie hat er damals in Regensburg und Passau neben Sport und Mathematik ebenfalls Informatik studiert.
Seit Johannas Aufstieg in den Perspektivkader im vergangenen Jahr ist Haidn ihr hauptverantwortlicher Trainer. In der Vorbereitungsphase feilen die beiden fast wöchentlich an ihrer Technik.
Wer es in Deutschland ins Nationalteam schafft, betritt eine extrem erfolgreiche Bühne. Seit 2015 hat der Bogensport hierzulande eine große Entwicklung hingelegt. Deutschland ist neben dem absoluten Vorzeigeland Südkorea die einzige Nation weltweit, der es gelungen ist, bei drei aufeinanderfolgenden Olympischen Spielen Medaillen zu holen. Um in dieser Weltspitze mitzuhalten, braucht es laut Haidn vor allem eines: extreme Ausdauer. Bei 30 bis 40 Stunden Training pro Woche fliegen täglich 300 bis 400 Pfeile. Jeder einzelne Schuss erfordert dabei höchste Aufmerksamkeit. Die entscheidende Aufgabe für einen Bogenschützen auf dem Weg in die Weltspitze ist es, die eigene Schießtechnik unter allen Bedingungen optimal abzurufen.
Johanna ist noch sehr jung und steht erst am Anfang der ganz großen, anspruchsvollen Wettbewerbe wie Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen. Die mentale Belastung dort ist enorm. Letztendlich kommt es im entscheidenden Moment oft auf einen einzigen Schuss an. Auch wenn Johanna das Mentaltraining bisher nicht aktiv im Fokus hatte: Viele Inhalte auf psychologischer Ebene sind laut Haidn bereits unbemerkt im Training integriert. Er hat dazu eine klare Meinung:
Johanna ist eine sehr fleißige, junge, auch leidenschaftliche Bogenschützin. Sie hat einen klugen Kopf und weiß natürlich auch, was sie mittlerweile zu tun hat, um entsprechend erfolgreich zu sein.
Oliver Haidn
Dass sie diesen Fleiß überhaupt in solch hohe Trainingsumfänge umsetzen kann, verdankt sie der Sportfördergruppe der Bundeswehr, die ihr einen Profistatus ermöglicht. Und das ist auch zwingend nötig, denn der internationale Turnierkalender ist gnadenlos. Solche Reisen ans andere Ende der Welt, bei denen man allein zwei bis vier Tage durch Flug und Zeitverschiebung verliert, müssen erst einmal zur Routine werden. In der Regel dauert es laut Haidn vier bis fünf Jahre, bis ein Athlet diese kräftezehrenden Rhythmen aus Training, Reisetagen und Wettkämpfen komplett verinnerlicht hat. Was sie auf diesem langen Weg in die Weltspitze am dringendsten braucht, lässt sich allerdings nicht trainieren:
Der erste große Härtetest auf Johannas langem Weg lässt nicht lange auf sich warten. Der deutsche Nationalkader bezieht für eine Woche sein Trainingslager in der Türkei. Doch an Entspannung ist nicht zu denken. Im Zentrum des Aufenthalts steht die interne Qualifikation für die Europameisterschaft. Jeder Schuss wird vom Trainerstab um Oliver Haidn genauestens unter die Lupe genommen, um die endgültigen Nominierungen für den Verband festzulegen.
Nach einer Woche intensiver Simulationen und hundertern von Wertungspfeilen steht das finale Ranking fest. In einem Feld auf diesem Leistungsniveau entscheiden oft minimale Ringdifferenzen über die Vergabe der begehrten Startplätze für die Europameisterschaft. Für die finale Nominierung werden verbandsintern die ersten drei Ranglistenplätze berücksichtigt.
Das Ergebnis einer Qualifikation hängt von weit mehr ab als von der reinen Ringzahl. Während das tägliche Training oft ein Kampf gegen die eigenen Fehler ist, lebt der Sport für Johanna erst durch die Energie des Wettkampfs auf. Die mentale Stärke an der Schießlinie entscheidet darüber, ob man dem Druck standhält oder ihn für sich nutzt. Für Johanna ist die Atmosphäre bei großen Turnieren kein Hindernis, sondern genau das, was sie zu Höchstleistungen antreibt.
Diese Motivation sich selbst auf der großen Bühne zu beweisen, spiegelt sich in Johannas bisheriger Laufbahn wieder. Der Weg in die Nationalmannschaft ist geprägt von kontinuierlicher Arbeit und der Teilnahme an hochkarätigen Turnieren weltweit. Die gesammelten Erfahrungen bilden das Fundament für die kommenden Herausforderungen der Saison 2026.
Johanna bei der Junioren-EM 2022 in Lilleshall (Großbritannien) 1/3
Johanna bei der Junioren-EM 2022 in Lilleshall (Großbritannien) 2/3
Johanna bei der Junioren-EM 2022 in Lilleshall (Großbritannien) 3/3
Johanna bei 'Die Finals' 2025 in Dresden
Johanna bei den World University Games 2025 in Essen
Johanna beim European Grand Prix 2025 in Antalya
Ein Rückblick auf die vergangenen Jahre dokumentiert Johannas Entwicklung und ihre Präsenz bei internationalen Wettkämpfen. Auch wenn die EM 2026 ohne sie stattfindet, bleibt sie fester Teil der Kaderplanung. Die nächsten Stationen zur Sicherung der Weltranglistenpunkte stehen bereits fest:
Antalya (April) | Grand Prix in der Türkei |
Shanghai (Mai) | Weltcup-Auftakt in China |
Johannas Traum | ⬇️ |